Nacktes

Nacktes Leben

Eine Anekdote zur Einstimmung:

 

Ich war frühmorgens aufgebrochen und an eine bevorzugte Pausenstelle an den Mittellandkanal geradelt. So in etwa 36 Kilometer mit ein paar Umwegen. Die meiste Zeit war ich bereits nackt unterwegs gewesen. Ich schwamm im Kanal und flegelte mich auf meinem Strandlaken herum. Dann machte ich einen längeren Anruf und rauchte noch auf dem Bauch liegend eine Zigarette. Hinter mir tuckerten die Frachtschiffe über den Kanal. Plötzlich erscholl über das Dieselgeräusch ein anschwellendes Johlen aus vielen Kehlen. Ich wandte mich um. Ein Ausflugsdampfer schipperte vorüber. Hundertfaches Winken und heiteres Rufen in meine Richtung. Ich setze mich auf und winkte gnädig zurück. Der Skipper ließ das Nebelhorn zweimal tuten.

Nach einer so fröhlichen Mittagspause war ich anschließend mit dem Fahrrad längs des Mittellandkanals wieder Richtung Osten unterwegs. Ein Ehepaar kommt mir auf ihren Drahteseln entgegen. Die Frau ruft mir etwas zu, was ich jedoch nicht verstehe. Ihr Mann bedeutet mir anzuhalten. Ich bin ein höfliches Kerlchen und bremse meine durch Westwind angetriebene Fahrt ab. Nachdem mein Fuß den Boden berührt hat, beginnt folgender Dialog:

“Hallo, sagen sie .... ach sie sind ja ganz nackt! Das habe ich ja gar nicht bemerkt.”

Ich zucke mit den Schultern. “Was kann ich denn für sie tun?

“Äh - nun ja - wir haben vor auf die andere Seite zu fahren, wenn der Weg da besser ist.”

“Nein - bleiben sie lieber auf dieser Seite, am anderen Ufer ist ganz übler Schotter.”

“Oh - ja, vielen Dank.”

Inzwischen kommt seine Frau, die ein Stück weiter gefahren ist, wieder ihr Rad schiebend, heran.

“Schatz - bleib’ da. Der junge Mann ist ganz nackt!”

Ich drehe mich über die Schulter und sehe, das die Frau grinst. “Als wenn ich noch nie einen nackten Mann gesehen hätte.” Sie kommt näher und fragt mich. “Sagen Sie, kann man hier irgendwo einkehren?”

Ich schüttele den Kopf. “Nicht um diese Uhrzeit. In Idensen ist ein Café und am Hafen ein Lokal, die haben aber noch nicht geöffnet. Der Biergarten in Nordbruch macht auch erst um fünf auf.” Und viel weiter kenne ich mich leider nicht aus, was Lokale angeht.”

Die Frau nickt. “ Ja, vielen Dank. Wir wollen sowieso noch weiter fahren. Mein Gott, sind sie braun gebrannt!”

“Wenn ich viel unterwegs bin, bleibt das halt nicht aus.”

“Fahren sie öfter nackig?”

“Wenn es das Wetter zulässt, fast immer.”

Die Frau lächelt.” Ich finde das toll. Sonst sieht man ja immer nur Nackte am FKK-Strand Und so bekommt man wenigstens richtig Farbe”

Ihr Mann verdreht die Augen. “Ich kann Ihnen genau sagen, was heute beim Abendbrot passiert: Madame wird mir die ganze Zeit in den Ohren liegen, ich soll auch nackig fahren, damit ich Farbe bekomme.”

Seine Frau lacht. “Na und - ist doch auch gar nichts dabei, wenn man es genau nimmt. Ich finde das jedenfalls mutig von Ihnen. Und so schön braun sind sie.”

Ihr Mann schnupft auf. “Na, denn. Wir wollen sie nicht weiter aufhalten. Viel Spaß noch bei dem schönen Wetter.” Er gibt mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Offenbar ist er zufrieden, dass sich bei mir nichts gerührt hat, als seine Frau sich neben mich stellte. Wir steigen auf unsere Räder und fahren in entgegen gesetzte Richtungen weiter.

Zwei Brücken später will ich auf die andere Kanalseite wechseln. Da ich es nicht besonders mag, den groben Schotter der Böschungswege barfuß zur Brücke hinauf zu kraxeln, biege ich vorher auf einen Waldweg ab, der sich nach etwa hundert Metern gabelt und auf die Brücke hinaufführt.

An der Wegkreuzung sehe ich voraus eine Wandergruppe. So richtig zünftig, mit Kniebundhosen, Rucksäcken, Wanderstöcken und allem was sonst noch dazu gehört. Die Gruppe umfasst vielleicht zwölf Köpfe.

Das ist mir ein bisschen zu viel Öffentlichkeit im Moment. Besonders, weil ich daran denken muss, wie stark man sich in der Gruppe fühlt. Sollte da nur einer dabei sein, dem meine Nacktheit missfällt, könnte die Stimmung aller gleich sehr schlecht werden. Ich halte an und beschließe eine Badehose anzuziehen. In dem Moment kommt von hinten ein altes Paar auf ebenso alten Fahrrädern angeknirscht. Mist - denke ich, wenn du dir jetzt hastig die Badehose anziehst, denken die, du hast sonstwas angestellt. Also greife ich zur Wasserflasche und lasse die alten Leute vorbei radeln.

Der alte Herr ruft mir im Vorbeifahren zu: “Na- so kann man’s wenigstens aushalten, was!”

Da ich gerade einen Schluck Wasser im Mund habe, nicke ich nur und nuschele “hmm-hmm.”

Ich lasse den beiden einen guten Vorsprung und beobachte die Wandergruppe weiter. Sie sind an der Brücke angelangt und verschwinden den Böschungsweg hinunter. Gut - denke ich, dann kannst Du unbehelligt weiterfahren, steige auf und trete an. Das alte Paar schiebt jetzt die Räder. Der Weg hinauf zur Brücke ist ihnen wohl doch zu steil. Wir grüßen uns freundlich als ich vorbeiziehe. Kurz vor der Brücke sehe ich, das sich die Wandergesellschaft es anscheinend anders überlegt hat, und die Böschung wieder heraufkommt. Jetzt gibt es kein Anhalten mehr für mich. Freundlich nickend fahre ich an den Wanderern vorüber. Vierundzwanzig große Augen, zwölf offene Münder. Alle sind stehen geblieben und schauen mir verwundert nach.

Na - denke ich mir, die haben auf den nächsten Kilometern bestimmt Gesprächsstoff. Am anderen Ende der Brücke bleibt mir nichts anderes übrig, als abzusteigen und den Böschungsweg zu nehmen. Auf dem Uferdamm angekommen, steige ich wieder auf und radele weiter. Auf der Brücke lehnt ein Dutzend schwitzender Wanderer am Geländer und starrt mir hinterher, bis ich ausser Sicht bin.

Drei Kilometer weiter ist der übliche Clochard am Ufer, den ich schon ein paar Mal gesehen habe. Sein sorgfältig abgeschlossenes Fahrrad ist mit seinen ganzen Habseligkeiten bepackt. Er steht nackt am Ufer, raucht und blättert in einer zerfledderten Zeitschrift. Auch ihn grüße ich. Aber wie immer wird mein Gruß nicht erwidert. Noch ein Stückchen weiter kommt mir eine Familie mit zwei Kindern entgegen. Wie üblich bei solchen Begegnungen hallt mir der Ruf nach: “Guck mal Mami - der ist gaaanz nackich.”

Kurz bevor ich endgültig vom Kanalweg abbiege, um über Feldwege Richtung Heimat zu fahren, sehe ich einen Mann auf einer Decke am Ufer sitzen. Er ruft mir etwas zu, was ich wieder nicht verstehen kann. Ich bin schon fast vorüber und halte an. “Ich habe sie nicht verstanden.”

“Ich sagte bloß, so kann man’s aushalten, nicht wahr?”

Das hast du heute schon mal gehört, denke ich bei mir und erwidere: “Da haben sie recht.” Der Herr muss in meinem Alter sein und ist ebenfalls nackt.

“Möchte wissen, wie viel Grad wir haben.”

“Das kann ich ihnen sagen,” gebe ich zurück und schalte den Fahrradcomputer in den Temperatur- Messbereich. “ Warten sie einen Moment, das Thermometer braucht eine Weile, bis es sich initialisiert hat.”

Er nickt mir zu und verwindet sich ein wenig auf seiner Decke. Ich bemerke, dass er totalrasiert ist. Was hat der Mann denn bloß?! Mühsam versucht er sein Gemächt unter dem Oberschenkel zu verbergen. Ich kann mich eines Grinsens nicht erwehren. Offensichtlich hat er ein kleines Problem damit, eines nackten Radfahrers ansichtig zu werden, und das, obwohl er selber nackt in der Sonne sitzt. Schließlich kann ich ihm die Temperatur sagen.

Er nickt. “Ja - das habe ich mir fast gedacht, aber dass es so warm ist...”

“Na - dann,” gebe ich zurück, “viel Spaß noch in der Sonne, ich bin heute Nachmittag noch verabredet.” Steige auf und fahre davon.

An diesem Tag habe ich noch zwei Dörfer durchfahren, viele Leute gesehen, eine Autobahnbrücke überquert und bin bis in meinen Stadtteil am Westrand Hannovers vor meine Garage gejuckelt, ohne mich anzuziehen. Niemand hat ein böses Wort gehabt. Im Gegenteil.

Nackt zu sein ist durchaus möglich. Man muss sich nur trauen!

 

© Leo

 

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